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Nachts auf dem Friedhof
Ich war auf dem Heimweg. Es war bereits 23 Uhr an einem tristen Oktobertag. Die Straßenlaternen warfen karges Licht auf den von Laub bedeckten Weg. Keine Menschenseele war noch unterwegs, meine einzigen Begleiter waren die krächzenden Krähen, die sich zu Hauf in den Bäumen sammelten. Immer wieder zerriss ihr Geschrei die Stille der Nacht.
Ich hörte meine Schritte, meinen stetigen Atem. Ich konnte sogar die Luft aus meinen Lungen entweichen sehen. Leichte Nebelschwaden traten aus meinem Mund, mir war eiskalt. Mein Weg führte an einem Friedhof entlang. Es gibt viele Schauergeschichten, die auf Friedhöfen spielen..., dachte ich, aber warum sollte ich Angst vor Toten haben, was sollen die mir schon antun? Und genau in diesem Moment erloschen die Lichter um mich herum. Die Nacht war pechfinster, ich konnte nicht einmal Sterne am Himmel entdecken und der schwache Halbmond war fast gänzlich von einer schwarzen Wolkenschicht verdeckt. Ich konnte nichts mehr erkennen und dann begann es auch noch zu regnen! Erst war es nur ein leises Plätschern, doch es wuchs bald zu einem tosenden Prasseln; innerhalb von Sekunden war ich durchnässt. Ich wollte nur noch möglichst schnell nach Hause, doch der kürzeste Weg führte direkt über den Friedhof.
Sollte ich wirklich in völliger Finsternis bei Gewitter über einen verlassenen, menschenleeren Friedhof gehen? Ach egal... warum eigentlich nicht...?, dachte ich mir. Also griff ich an das Eingangstor und drückte die feuchte Klinke herunter. Das mit Ornamenten verzierte Tor machte beim Öffnen ein knarzendes Geräusch. Na toll, warum jagt mir das jetzt einen Schauer über den Rücken? Das muss nur mal geölt werden, weiter nichts..., redete ich mir ein. Also betrat ich den Friedhof. Sein Anblick hatte schon etwas Gespenstisches; mit den ganzen Grabsteinen und Marmorkreuzen um mich herum. Den Kiesweg konnte ich in der Nachtdämmerung nur erahnen, doch ich bahnte mir irgendwie meinen Weg. Auf einmal sah ich nicht allzu fern von mir ein Licht. Ich ging darauf zu und dann erkannte ich, dass es ein beleuchteter, besonders großer Grabstein war. Auf ihm stand in goldener Schrift geschrieben:
Wilhelm van Fonteweg
*1862 †1887
Das ist aber ein altes Grab... Und dieser Mann ist vielleicht jung gestorben!... dachte ich. Unter dem großen Stein lag ein Bund vertrockneter Rosen. Ich konnte mir kaum ein trostloseres Bild vorstellen. Wer war wohl dieser van Fonteweg gewesen? Wie war er gestorben? Gab es jemanden, der um ihn getrauert hat, oder war er ganz allein gewesen? Als ich noch über diese und weitere Fragen nachdachte, streifte plötzlich etwas meinen Rücken. Ruckartig drehte ich mich um, doch dort war niemand! Ich war mir doch so sicher gewesen... Ein Schauer lief mir über den Rücken, als ich ganz deutlich ein Keuchen hörte - und es kam direkt auf mich zu! Für einen kurzen Moment gaben die Wolken den Halbmond hinter mir frei und ich konnte vor mir meinen Schatten erkennen... und den verzerrten Schatten einer anderen Person. Wieder drehte ich mich um.
Doch ich musste feststellen, dass es bloß eine Statue war, die den Schatten geworfen hatte. Ganz ruhig..., sagte ich mir, da ist niemand! Das bilde ich mir alles nur ein... ich hab nur zu viele Horrorfilme geguckt... Da sah ich es: zwei brennende Augen blitzten zwischen zwei Bäumen hervor. Das konnte ich mir einfach nicht eingebildet haben, ich hatte es doch genau gesehen!
Langsam hörte es auf zu regnen. Ein kräftiger Windstoß wehte mir durchs Haar und wirbelte die vertrockneten Rosenblätter durch die Luft, plötzlich stand eine Gestalt in unbehaglichster Nähe direkt vor mir! Ihr schwarzer Mantel flatterte, das Antlitz war bleich wie Kreide, die Augen geschlossen. Völlig lautlos stand sie da und ich war vor Schreck wie gelähmt. Ich hätte rennen sollen, rennen bis ich zuhause wäre, immer weiter rennen, immer weiter... um mein Leben zu retten. Doch ich konnte mich nicht rühren. Ich fixierte das Gesicht des Mannes, als er plötzlich die Augen öffnete. Sie brannten wie Feuer und waren rot wie Glut.
„Ich habe bereits auf dich gewartet...“, sagte er mit monotoner Stimme. Ein schelmisches Lächeln umspielte seine Mundwinkel, doch mir war gar nicht nach lachen zumute. „Wer bist du?“, brachte ich hervor, doch eigentlich wusste ich es schon. „Oh, ich bitte vielmals um Verzeihung... Wo bleiben denn meine Manieren?... Mein Name ist Wilhelm van Fonteweg... Du hast wahrscheinlich nie etwas von mir gehört...“, plötzlich schnellte er hervor und packte mich am Handgelenk, „das solltest du aber!“ Meine gesamte Hand brannte. Nun war es um mich geschehen. Ich riss mich los und rannte endlich, rannte irgendwo hin, nur weg von ihm.
„Du kannst mir nicht entkommen!“, schrie er mir hinterher. Wieder wehte ein starker Wind und er stand plötzlich vor mir! Ich rannte genau in ihn hinein und er packte mich fest, so fest, dass ich wahrscheinlich gar nicht erst an eine Flucht zu denken brauchte. Trotzdem probierte ich mit aller Kraft mich loszureißen. Ich schrie, ich schlug, ich zerrte; doch er lachte bloß sein schauriges Lachen. „Was willst du eigentlich von mir?“, rief ich flehend. Genau in diesem Moment durchzuckte mich ein stechender Schmerz...
Ich war aus meinem Bett gefallen. Kalter Angstschweiß stand mir auf der Stirn. „Ich habe nur geträumt. Ich bin zuhause. Es ist nichts passiert.“, ich musste die Worte aussprechen, damit sie in meinem Gehirn ankamen. „Es ist vorbei...“ Ich schaute in den Spiegel. Meine Haare waren zerzaust und als ich sie kämmte... fiel ein verwelktes Rosenblatt zu Boden...
Kategorie: Kurzgeschichten
Tags: Rosen, Regen, Friedhof
Zu diesem Artikel wurden bereits 2 Kommentare geschrieben:
Dienstag, 25. Mai 2010, 16:03 Uhr
Mittwoch, 08. September 2010, 17:32 Uhr
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